Wo ist Santiago Maldonado?

Am 1. August 2017 verschwand in Argentinien ein Mann.

Santiago Maldonado nahm an einer Demonstration der Mapuche-Gemeinschaft im Süden des Landes teil, die von der Gendarmerie gewaltsam unterdrückt wurde. Dabei wurde er von den Polizisten abgeführt und in einem Wagen weggebracht. Seither fehlt jede Spur von dem Mann.

Das Verschwinden Maldonados bewegt ganz Argentinien und ist derzeit das am meisten diskutierte Thema in den Medien und auf der Straße. Für die Menschen ist es besonders heikel, weil es Erinnerungen an die unzähligen Vermisstenfälle aus den 80er Jahren hervorruft und am Konstrukt ihrer Demokratie rüttelt.

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Ich erfuhr vom sogenannten “Verschwindenlassen” (desaparición forzada) Santiago Maldonados vor einer Woche – warum so spät, und inwieweit es tatsächlich möglich ist, in einem Land zu leben, ohne irgendwas mitzubekommen, soll hier nicht zur Sprache kommen und ist ein ganz anderes Thema. Jedenfalls erzählte mir meine Mitbewohnerin davon und ich konnte etwas in ihren Augen und in ihrer Art zu sprechen bemerken, dass man fast Angst nennen kann. Weil sie sehr hektisch erzählte und selbst kaum Luft holen konnte, verstand ich nicht alles, doch mir war klar, dass hier etwas ganz schön Heikles im Lande vorgeht. Also machte ich mich selbst auf die Suche nach Infos im Internet und war erstaunt darüber, in den deutschen Medien nicht einen einzigen Artikel zu finden, obwohl hier in Argentinien kein Tag ohne eine neue Nachricht über den Fall Maldonado vergeht. Inzwischen gibt es doch ein paar Artikel darüber bei deutsche Online-Medien (z.B. Spiegel und Tagesschau), die jedoch alle nur halbherzig geschrieben sind und vor allem auf die großen Protestmärsche vom Wochenende verweisen, bei denen es teilweise am Rande zu Ausschreitungen kam. Die essentiellen Grundlagen des Falls und die wichtigsten Aspekte werden nicht vollständig genannt und noch weniger wird die tatsächliche Tragik der Situation dargestellt. Deshalb möchte ich hier aufzeigen, was ich den argentinischen Medien entnehmen konnte und vor allem, wie sich das argentinische Volk zu fühlen scheint. Dabei kann ich nur nach bestem Wissen und Gewissen vorgehen. Geprägt ist das mit Sicherheit durch einiges Unverständnis meinerseits – sowohl bezogen auf das Vokabular, als auch auf die Mentalität und die tatsächliche Gefühlslage meiner Mitmenschen. Ich hätte auch nicht gedacht, bereits nach so kurzer Zeit vor Ort einen Artikel über die Politik und Gesellschaft des Landes zu schreiben, ob ich dafür tatsächlich schon den nötigen Einblick habe, ist fraglich. Doch einen Versuch ist es wert.

Santiago Maldonado ist ein 28jähriger Aktivist aus der Region Buenos Aires, der aber seit mehreren Jahren in Patagonien im Süden des Landes lebt und sich dort im Kampf der Mapuche gegen die Vertreibung von ihrem Heimatland engagiert. Das Volk der Mapuche gehört zu den indigenen Völkern, die seit jeher auf argentinischem und chilenischem Boden im Süden des Kontinents leben. Vor einigen Jahren wurde ihre Heimat vom argentinischen Staat an einen europäischen Klamottenhersteller verkauft. Benetton gehören inzwischen unvorstellbare 900.000 Hektar Land, auf denen sie Schafe für ihre Wolleproduktion züchten und wofür sie regelmäßig Anwohner aus ihren Dörfern vertreiben und (bestenfalls) umsiedeln. Die Mapuche sehen den Verkauf des Landes als unrechtmäßig an, da es sich um ihre Heimat handelt und es auch niemals im Besitz des argentinischen Staates gewesen war, sie beziehen sich auf das Naturrecht ihrer Verwandten als historisches Volk.

Am 1. August fand also ein weiterer Protest des Mapuche-Volks statt, zu dessen Niederschlagung die Gendarmería Nacional geschickt worden war. Unter den Aufständischen war auch Santiago Maldonado, der bei der Überquerung eines Flusses zurück blieb und von den Polizisten (laut Zeugenaussagen) zunächst nieder gerungen und dann weg gebracht wurde. Seitdem ist Maldonado verschwunden und sein Gesicht ist inzwischen jedem Argentinier bekannt.

Denn Santiago Maldonados Verschwinden erinnert die Menschen an eine der dunkelsten Episoden ihrer Nationalgeschichte: Zwischen 1976 und 1983 wurden fast 30.000 Menschen (laut Angaben von Menschenrechtsorganisationen) vom Regime verschleppt und tauchten nicht mehr auf. Diese Epoche hat Argentinien inzwischen überwunden, das Land gehört zu den demokratischen Vorreitern Lateinamerikas und hat ein funktionierendes Justizsystem. Dass dieses Konstrukt jedoch auch sehr anfällig ist und die aktuelle Politik weit weniger rosig als immer dargestellt, wird jetzt plötzlich allen klar. Vor allem die Angst vor Polizeigewalt ist sehr präsent. Letzte Woche gab es in meinem Unikurs zu Migrationstheorien eine große Diskussion darüber, dass es illegal sei, wenn die Polizei auf der Straße nach deinem Ausweis fragt, obwohl du nichts gemacht hast. Eine Kommilitonin aus Montenegro und ich verstanden die Aufregung der Südamerikaner zunächst nicht, für uns ist schließlich nichts groß dabei, wenn man sich ausweisen muss – vor allem wenn man nichts zu befürchten hat. Doch die wahllose Abfrage der Identität ist für meine Kommilitonen eine erste Form von staatlicher Willkür und jeder Kontakt mit der Polizei ein Risiko. Ein Risiko, ungerecht behandelt zu werden und mitgehen zu müssen, ohne sich sicher sein zu können, was danach passiert. Dinge wie Untersuchungshaft und Vorführung vor dem Haftrichter gibt es hier natürlich auch – doch eben nur theoretisch, wie auch ein Bekannter unterstrichen hat. Er hat Angst, sagt er, vor Polizisten, denn der Spruch “die Polizei, dein Freund und Helfer” ist hier nicht passend. Die Menschen in meiner Umgebung haben Respekt vorm Staat, und das nicht auf positive Weise. Andauernd werden sie an seine Macht erinnert, durch den Fall Santiago Maldonado nun schon seit mehr als einem Monat sehr extrem. Gerade eben hat meine Mitbewohnerin den Fernseher angemacht, nicht ohne davor kurz zu erwähnen: “Auch wenn ich eigentlich Angst davor habe, was sie dort Neues zu berichten haben.” Es läuft eine Talkshow, fünf Menschen diskutieren vor pinkem, grellen Hintergrund über das einzige Thema, das gerade relevant ist. Und der erste Satz, den ich höre, ist: “Nunca más la violencia como forma de construcción de política” (Nie wieder Gewalt als Form der Staatskonstruktion). Der Diskurs ist schon längst unglaublich grundlegend geworden.

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Santiago Maldonados Gesicht ist überall zu sehen. Ob auf großen Plakaten an Hauswänden oder auf kleinen Flyern in der Metro, er erinnert die Menschen ständig an ihre gesellschaftliche Aufgabe. Ich hoffe sehr, dass der Aktivist bald wieder auftaucht, natürlich lebend. Das wünsche ich mir nicht nur für Santiago Maldonado selbst, sondern auch für die argentinische Gesellschaft und ihre Zukunft.

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