Über Grenzen

In meinem zweiten Semester der Kulturanthropologie hatte ich das schöne Seminar zu den “Methoden der Feldforschung”, in dem wir am Ende unser gelerntes Wissen natürlich praktisch “im Feld” anwenden mussten. Unser Thema waren “Grenzen” und wir konnten uns ganz frei aussuchen, wo wir denn nach Grenzen suchen wollten und wie wir uns diesen anthropologisch annähern konnten. Stichwort: Teilnehmende Beobachtung.

Meine Zeit hier ist genau genommen genau dieselbe Feldforschung, denn gerade jetzt zum Ende denke ich viel über meine eigenen Grenzen nach und vergleiche mein, sagen wir mal, deutsches Leben mit den Erlebnissen hier.

Und weil ich so gerne offene Fragen formuliere, fange ich damit direkt mal an:

Wie kann es sein, dass ein erwachsener argentinischer Mann sich darüber wundert, dass ich hier mit Machismus und Sexismus konfrontiert werde? Wie um alles in der Welt kann ein Taxifahrer behaupten, den Machismus gäbe es nicht und wenn überhaupt, dann sei das nur so eine neumoderne Erfindung der Jugend? Ich habe ja schon einen längeren Artikel über das Thema Alltagssexismus geschrieben, aber leider haben sich die kleinen ekligen Erlebnisse in den darauf folgenden Wochen immer noch angehäuft, sodass ich in dieser Hinsicht wirklich an meine Grenzen gestoßen bin.

Die Stadt hat eine Kampagne in der U-Bahn gestartet, in deren Rahmen mit vielen Plakaten auf das Thema aufmerksam gemacht werden soll, siehe hier: http://www.buenosaires.gob.ar/noticias/campana-de-concientizacion-sobre-violencia-de-genero. Sie wurden pünktlich zum 25. November und dem damit verbundenen Tag gegen die “violencia de género” in den Stationen installiert und ich finde die Kampagne mehr als gelungen, da sie von den kleinen feinen Diskriminierungen hin bis zu den großen Problemen reicht. Es geht darum, dass man sich als Frau schon morgens Gedanken machen muss, was man anzieht, und ob man damit abends im Dunkeln durch die Straßen laufen kann. Dass man nicht nachts durch einen Park laufen kann. Dass man sich in der proppevollen U-Bahn Männern ausgesetzt sieht, die die ungewollte Nähe ausnutzen. Mir ist genau das passiert und ich denke ungern daran zurück, dass ich in dieser Situation nicht meinen Mund aufgemacht habe, weil mir die spanischen schlagkräftigen Worte fehlten, um dem Typen zu sagen, er solle gefälligst seine Hand von meinem Allerwertesten fernhalten. Letztens lief ich über eine Straße und man rief mir hinterher: Pass auf, da vorne entführen sie Püppchen! (Hier versagt mal wieder die Übersetzung, aber es sollte betonen, wie süss ich doch bin, jeden Raub wert…) Männer gehobenen Alters brummen irgendwelche Feststellungen (hermosa!) im Vorbeigehen… Pfiffe fliegen aus vorbeifahrenden Autos. Man mag mir vorwerfen, ich wäre übersensibel, aber ich weiß, dass die argentinischen Frauen sich dem allen hier täglich ausgesetzt sehen und die Kampagne der Stadt bestätigt das. Und ich merke, dass ich in meiner persönlichen Freiheit, mich so anzuziehen und zu bewegen, wie ich es normalerweise tue, hier absolut an meiner Grenze angekommen bin. Und auch dahingehend, diese Kommentare zu ignorieren. Ich kann es nicht, es macht mich sauer. Das ist keine Situation, der ich mich dauerhaft aussetzen wollen würde.

Themawechsel. Gestern Abend wollten sie meiner Mitbewohnerin und ihrem Freund die Handys an der Bushaltestelle klauen. Zwei junge Männer kamen auf einem Roller angefahren und meine Mitbewohnerin ist, wie von der Biene gestochen, weggerannt und ihr perplexer Freund (wohlgemerkt Argentinier!) dann direkt hinterher, sodass nichts passiert ist. Heute im Bus haben sie einer Frau ihr Handy geklaut. Wieder zwei junge Typen, alles geschah hinter mir, aber der eine hat ihr wohl beim Anhalten des Busses an der Haltestelle das Handy weggerissen und dann sind beide, ebenfalls wie von der Biene gestochen, aus dem Bus gerannt. Tür zu, Ciao Handy. Die Linie, mit der ich gefahren bin, fährt durch den vermeintlich ärmeren Süden der Stadt und wieder einmal frage ich mich, kann man das wirklich so pauschalisieren? Auch hier fühle ich die Begrenzung meiner Freiheit: Ich kann gar nicht sagen, wie oft mir schon gesagt wurde, wie gefährlich es sei, mein Handy offen irgendwo hinzulegen. Offen in der Hand zu halten. Im Gehen. An der Bushaltestelle. Und dabei hat hier jeder ständig das Smartphone vor der Nase. Aber ja, ich sehe einfach aus wie jemand, bei dem sich der Diebstahl lohnt. Esra hat auch in ihrem Post geschrieben, dass sie sich darauf freut, wieder mit mehr als nur dem Nötigsten aus dem Haus zu gehen, ohne sich Sorgen machen zu müssen.

Etwas harmloser: Auch das Klima ist hier zur Zeit absolut grenzwertig, dabei befinden wir uns noch im Frühling. Momentan knacken wir jeden Tag die 30 Grad und dazu kommt eine Luftfeuchtigkeit… Also ich sage nur, man transpiriert. In Anlehnung an meinen früheren Post zum Thema “Aushalten” könnt ihr euch also vorstellen, wo die nächsten grenzwertigen Erfahrungen stattfinden. Dazu noch macht der Wechsel aus der Hitze in vollklimatisierte Supermärkte und Verkehrsmittel unglaublich müde und Halsweh. Und man schläft schlecht.

Und jetzt merke ich, dass dieser Post unheimlich negativ wirkt. Ich denke, nach dem Abflauen der Anfangseuphorie sieht man einige Dinge immer etwas klarer. Und so schwierig eben die genannten Punkte den Alltag hier machen, so viel anderes wertet das dann auch wieder auf. Vor allem merke ich, dass ich in meiner WG den Ort gefunden habe, an dem ich mit meinen Mitbewohnern über all das sprechen kann, was mich bewegt und dass es hier immer offene Ohren gibt für meine Verwirrung und mein Unverständnis. Ohne diese kleine Familie (ja, mittlerweile hat mich sogar die große Katze lieb, die am Anfang immer vor mir geflüchtet ist…) hätte ich glaube ich viel öfter ein größeres Gefühl der Fremdheit gehabt.

4 thoughts on “Über Grenzen

  1. Ich fűhle mit dir, was du ja bereits weißt liebe Tina… Ist ja nochmal gut gegangen mit deiner Mitbewohnerin. Bin froh, dass nichts schlimmeres passiert. Wegen den Handywarnungen: auch der Satz:”Trag dein Rucksack vorne” finde ich toll, wo ich mir denke ich kann mir gleich auf die Stirn schreiben: Ausländer. Man kann sich einfach zu 100 prozent niemals schűtzen in Lateinamerika.
    2. Mir ist neben dem Machismus hier und auf Reisen auch der Rassismus besonders aufgefallen, auch von den backpackern, was mich schon ziehmlich genervt hat, weil man eben nicht weiß, genau wie bei deinem Taxifahrer, wo man anfangen soll mit diesen Menschen zu reden…
    3. Ganz viel Spaß auf deiner Reise. Weiterhin tolle teilnehmende Beobachtungen

    1. Danke Esra (und entschuldige diese viel zu späte Antwort…). Das mit dem Aufpassen auf die Tasche ist mir bestimmt auch 20 mal passiert. Und ja, die Leute meinen es ja gut, aber es nervt einfach irgendwann.
      Das mit dem Rassismus finde ich spannend, da müssen wir mal live drüber sprechen, was genau du damit meinst. Aber ich glaube, ich habe da auch einige Dinge bemerkt. Also bis auf bald in anregenden Latina-Diskussionen mit Weinchen und Käse, freu mich schon 😀

  2. Nach vier Tagen in Mexiko liest sich dein Artikel einfach nochmal ganz anders. Ich bin ja hier eigentlich permanent von Mexikanern “beschützt” und trotzdem gibt es diese Momente, die total unangenehm sind. Ich dachte am Anfang auch, sie übertreiben, wenn sie mir sagen, ich soll zuhause bleiben, wenn sie im Dunkeln Zigaretten holen gehen, aber inzwischen bleibe ich brav da. In der Metro kann ich den “Frauen und Kinder”-Waggon benutzen. Das widerspricht zwar meinem Selbstbild als emanzipierte Frau, aber wenn ich alleine unterwegs bin, zögere ich keine Sekunde.
    Mir geht es genau so, dass ich so gerne etwas erwidern würde, aber jedes Mal bleibe ich stumm, weil ich mich nicht noch offensichtlicher als Gringa outen möchte. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie es für dich gewesen sein muss, das alles monatelang “auszuhalten”.

    1. Liebe Laura, danke für deinen Kommentar. Ich hoffe, du überstehst die Zeit in Mexico heil (immerhin kannst du im zweifelsfall einen ordentlichen Punch austeilen). Und genieß all das trotzdem!! Es ist ja in der Hinsicht zum Glück nur ein kleiner Zeitraum und man weiß seine weibliche Freiheit danach auf jeden Fall wieder zu schätzen! Hasta pronto y besos a Mexico!

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