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Endspurt

Ich habe auf meinem Handy eine Countdown-App installiert, dir mir jeden Tag anzeigt, wie viele Tage es noch bis zu meiner Rückreise sind. Heutiger Stand: 37 Tage.

Insgesamte Aufenthaltsdauer: 139 Tage. Das sind vier Monate, zwei Wochen und drei Tage. 3336 Stunden in Argentinien und bald soll schon wieder alles vorbei sein…?!

Torschlusspanik? Vielleicht ein bisschen. Die Liste der Dinge, die ich in dieser Stadt machen und sehen wollte, ist immer noch unheimlich lang. Die Tage fliegen so dahin, ich weiß selbst nicht genau, wie das hier immer passiert, aber man wacht morgens auf und wenn man mittags auf die Uhr schaut, ist es schon drei oder vier Uhr und schwupps, ist dann 21 Uhr und so weiter. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich von der argentinischen “Geschwindigkeit” treiben lasse. Die Zeit vergeht beim Zurücklegen der Wege von A nach B, beim Warten auf irgendetwas, manchmal nervt das ein wenig, wenn man einfach nur ankommen will. Die Zeit vergeht aber auch beim Sonne genießen am Fluss mit einem Mate in der Hand, darüber philosophierend, warum der Himmel keine Wolken hat und das eine irgendwie ganz schwummrig wird, wenn man lange in dieses unendliche Blau schaut. Sie vergehen mit einem Rotwein in der Hand bei einer Milonga in einem dunklen, winzigen Raum, in dessen Mitte zwei Bandoneonspieler sitzen und Tango spielen, während die Tanzpaare um sie herum tänzeln und das Publikum am Rand gebannt zuschaut, ohne ein Wort zu sagen.

Argentinien hat mich verändert in diesen 102 Tagen, die zu Beginn vor allem gefüllt waren von so viel Chaos, fehlender Logik und Irritation, aber auch mit unvergesslichen Erlebnissen und wunderbaren Menschen. Ich versuche schon von Beginn an, nicht an ein Ende dieser neuen Realität zu denken, aber jetzt kommt der Moment, an dem die ersten meiner neu gewonnenen Freunde Buenos Aires verlassen und man unweigerlich an Abschiede denken muss.

Ich hasse Abschiede. Auch wenn sie ja so gut wie nie ein endgültiges “Tschüss” darstellen sondern mehr ein “Auf Wiedersehen”, so bleibt doch eine kleine Leere, weil etwas von dem, was für einen zur Normalität geworden ist, auf einmal nicht mehr da ist. Ich erinnere mich noch an das Ende meiner Erasmuszeit in Spanien, dort war es genau dasselbe. Ich wusste ja, dass ich bald zurückmusste, das war auch irgendwie okay, aber all diese wunderbaren Menschen in alle Welt zu verabschieden und ein Kapitel zuzuschlagen, das war hart.

Und so zeigt sich, dass manche Dinge nicht leichter werden, auch wenn man sie schon einmal erlebt hat. Dass sich Emotionen an jeden Ort auf ein Neues binden, dass ein ganz neues Geflecht aus Bildern, Erlebnissen und Erfahrungen doch wieder ganz anderes in einem auslöst. Und das ist, so traurig das auch am 02. Januar werden wird, ein wunderbares Gefühl und wir alle KGE-Weltenbummler (und alle, die bald noch folgen werden) haben unheimliches Glück, das erleben zu dürfen.

 

One thought on “Endspurt

  1. Ich fűhle mit dir. Viel mehr kann ich echt nicht dazu sagen. Ich merke wie schnell die Zeit vergeht und űberlege wie ich die restlichen Tage hier effektiv noch nutzen kann. Und ja- Abschiede… 🙁 Das wird schwer, wie immer. Das ist der grőßter Nachteil von unserem Nomadenleben…

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