Aushalten

Ich möchte nochmal an meinen letzten Post anknüpfen, in dem ich kurz darauf eingegangen bin, dass mir jeden Tag irgendwelche komischen Dinge passieren.

Louisa, meine deutsche Freundin hier in Buenos Aires und ich sagen immer, dass wir die Dinge mittlerweile akzeptieren, ohne sie zu hinterfragen. Den Großteil der seltsamen Dinge kann man eben einfach nicht erklären, denn er ist völlig irrational und unlogisch, aber lässt sich leider nicht ändern. Auf die Frage “Wundert dich das jetzt echt?” kommt dann stets ein “Nö, aber ich wollte das nochmal erwähnen”. Man kann die deutschen Denkweisen nie komplett ablegen und es gibt immer die Situationen, in denen man sich ein bisschen mehr deutsche Organisation und Struktur wünscht. Zur Bewältigung dieser gewissen Situationen haben wir einen Trick: Wir spielen Aushalten.

Wir spielen dieses Spiel sehr oft. Falls ihr dieses spaßige Spiel nicht kennt, Joko und Klaas haben diese grandiose Idee entwickelt, bei denen die beiden irgendetwas aushalten müssen, bis einer von den beiden aufgibt und der andere damit gewinnt. Zum Beispiel nicht-lachen. Einfach mal aushalten bei Youtube eingeben, da eröffnet sich einiges… Wir spielen bevorzugterweise Aushalten – Subte, denn unsere U-Bahn ist zu gewissen Stoßzeiten immer maßlos überfüllt. Das heißt, der Zug fährt ein und obwohl man denkt, dass man dort nie im Leben mehr reinpasst, geht das dann irgendwie doch. Und dann geht Aushalten los: Eingequetscht zwischen zig Argentiniern, oftmals nicht mal mehr in der Lage, sich irgendwo festzuhalten. Als überdurchschnittlich große Frau bleibt einem zwar immer noch ein klein wenig mehr Luft als dem Rest, angenehm ist jedoch trotzdem anders. Vor allem bald, wenn der Sommer kommt… Man hält also so lange aus, bis man aussteigen darf, wobei sich dieser Prozess oftmals auch sehr schwierig gestaltet. “Permiso!!!” wird gerufen und dann einfach mal ordentlich in Richtung Tür gedrückt.

Aushalten colectivo funktioniert ganz ähnlich, nur im Bus. Entweder man hält aus, weil auch der colectivo so voll ist, oder man muss die Fahrtkünste und die Schnelligkeit aushalten. Dabei stillt dann auch mal eine Frau ihr Baby oder ein Pärchen macht ruhigen Herzens ein bisschen rum, während man hofft, dieses klapprige Gefährt mit den quietschenden Bremsen lebend wieder zu verlassen.

Aushalten micro ist dann die Version auf Langstrecke. Bei unserer Rückkehr aus Mendoza ist ungefähr vier Stunden vor Ankunft, pünktlich zum Sonnenaufgang, die Klimaanlage ausgefallen. Ärgerlich, wenn man ganz vorne am Fenster sitzt und die Sonne frontal auf die Scheiben knallt. Was macht der Argentinier denn dann? Ruft einmal kurz irgendwo an, stellt daraufhin fest, dass sich das Problem jetzt erstmal nicht lösen lässt und wird kreativ: Die Tür unten wird nicht ganz zu gemacht und dann eine 7Up-Flasche eingeklemmt, damit sie einen Spalt aufbleibt. Der Effekt war unten relativ beeindruckend, oben jedoch nicht bemerkbar. Wir haben also bis zur Ankunft eine Mordshitze aushalten müssen.

Aushalten essen ist ganz besonders gemein. Bei jedem unserer Mittagessen in Mendoza mussten wir über eine Stunde auf das Essen warten, weil aufgrund des verlängerten Wochenendes ganz überraschend so richtig viel los war in den Restaurants. In einem Sandwich-Restaurant gab es dann zuerst keine Pommes mehr und dann kein Brot. Schade Schokolade. Wunderte uns das dann echt? Irgendwie nicht.

Alles in allem spielt man also in Argentinien ständig Aushalten und ich war ja, wie die meisten die mich kennen nur zu gut wissen, niemals der geduldigste Mensch. Ich glaube, so entspannt wie hier jetzt gerade war ich noch nie. Manchmal muss man die Dinge eben einfach geschehen lassen. Kathi würde das “Zen” nennen, einfach tief durchatmen und entspannen. Auch kann ich mir langsam vorstellen, wie unheimlich verrückt einem Lateinamerikaner Deutschland vorkommen muss. Überall sind Anzeigen und Tafeln, auf denen alles steht. Alles ist beschriftet oder erklärt oder wird durchgesagt und man weiß einfach immer, was gerade Sache ist. Alles läuft und ist transparent. Hier fühle ich mich manchmal wie Kafka… Für die Anerkennung meiner Unikurse muss ich mir von den Dozenten einen Schein ausfüllen lassen, die haben jedoch noch nichtmal ein Büro in der “Uni”… Aber irgendwie wird das schon laufen. So wie alles hier.

One thought on “Aushalten

  1. Joko Klaas Kafka -ich bin dabei:) Ich feiere dein Text und natürlich spielen wir auch das “Aushalten und einfach Nichthinterfragen-Spiel” mit. Ich fühle mit dir und bewundere es immer wieder, dass wir irgendwie in die Metro reinpassen, auch wenn es manchmal Atemnot bedeutet 🙂 Die Kreativität der Latinos bewundere ich ebenso. Als ich bei einer chilenischen Kommilitonin war, habe ich gesehen, dass am Dach eine große Cola-Flasche installiert worden ist, damit sie Regenwasser abfangen und sammeln können. Anscheinend kann man in Lateinamerika mit Getränkebehältern verschiedener Marken doch mehr anfangen:)

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *